Finsterworld

Das Leben als Kettenreaktion

Plakat zum Film "Finsterworld"

Plakat zum Film „Finsterworld“

„I listen to the wind, to the wind of my soul“ – wenn ein Film mit Cat Stevens anfängt, mit idyllischen Waldbildern, mit einem freien Raben als Gefährten eines freien Mannes: dann kann das nicht schlecht sein. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einer Weggabelung und müssen sich entscheiden. Im Nachhinein werden Sie beurteilen können, ob Ihre Wahl die richtige war. Doch was ist, wenn ihr eigentlicher Weg schon vorbestimmt ist und keiner von beiden zum Ziel führt. Das ist dann Schicksal oder Kino.

Soeben ist der junge Privatschüler Dominik von einer Klassenfahrt zu einer KZ-Gedenkstätte abgehauen, nicht wegen des Reiseziels, vielmehr weil seine Freundin aus Leichtsinn mit dem Erzfeind rumknutscht und er als Außenseiter nichts dagegen tun kann. Nun steht er auf einem Rapsfeld, irgendwo in der tiefsten Pampa und weiß nicht mehr weiter – psychisch und geographisch. Er ahnt ebenso wenig wie der Zuschauer, dass er dadurch zwar einem großen Unglück entkommt, die eigentliche Katastrophe aber noch auf ihn wartet…

Den Moment, in dem alles kippt, kann man nicht beschreiben, vielleicht weil er gar nicht auffindbar ist. Der große Umschwung, er passiert schleichend, viele kleine Abgründe tun sich auf und das mit großer Wirkung. Frauke Finsterwalder hat mit ihrem Debutfilm FINSTERWORLD ein Stück Kino geschaffen, dem man keinen Genrestempel aufdrücken kann. Mal Satire, mal großes Drama, mal mit der Leichtigkeit einer Sommerkomödie erzählt und im nächsten Moment voll mit Pathos und Weltschmerz. Ein Ensemblefilm, getragen von den großartigen Darstellern und der klugen Aneinanderreihung
der Ereignisse.

Frauke Finsterwalder ist studierte Dokumentarfilmerin; und so spielerisch gekonnt sie mit ihrem eigenen fiktiven Drehbuch umgeht, steht hier ebenfalls der Mensch im Mittelpunkt. FINSTERWORLD ist auch eine große Gesellschaftsstudie.

Da ist der schrullige Fußpfleger Claude, der die Polizei mit Cremeproben besticht und die Hornhaut seiner Lieblingsklientin zu Keksen verarbeitet. Claudes Fußcremes schenkt der Polizist Tom seiner Freundin, die eine gescheiterte Dokumentarfilmerin ist und deshalb auch kein Ohr für Toms heimliche Leidenschaft hat, das Herumwandeln im Tierkostüm. Da ist ein stummer Einsiedler im Wald, der im Einklang mit der Natur lebt, bis sein Idyll plötzlich zerstört wird.

Alle Episoden hängen zusammen, und aus den kleinen zwischenmenschlichen Schattenbereichen, die jede Konstellation mit sich bringt, werden bald dunkle Löcher, die all die Komik verschlucken. Somit hat jede einzelne Figur ihre eigene kleine „Finsterworld“. Und als Zuschauer lebt man mit, auch weil die Regisseurin von Anfang an stringente Stereotype von Menschen präsentiert. Man möchte mit diesen Menschen lachen, weinen, sie herzen oder ihnen ans Schienbein treten – große Zuneigung und tiefste Abneigung liegen im gleichen Atemzug. Und die Handlung lässt sowohl diese Empathie als auch Interpretationsraum zu.

So erscheint die Frage nach Schuld als ein zentrales Thema, ebenso wie das Lesen zwischen den Zeilen. Denn es wird viel gesagt in FINSTERWORLD, das Wesentliche offenbart Finsterwalders Starensemble mit Sandra Hüller, Corinna Harfouch, Michael Maertens, Ronald
Zehrfeld, Bernhard Schütz, Johannes Krisch und andern jedoch in den stillen Momenten. Denn während den etablierten Schauspielern eher die besonneneren Rollen zukommen, ist es die junge Riege des Ensembles, die dem Film den nötigen Umschwung gibt.

Besonders Leonard Scheicherals Dominik kann es durch die lauernde Bescheidenheit seiner Darstellung leicht mit den Großen aufnehmen. FINSTERWORLD ist eine Komödie, eine böse, schwarze, satirische, aber auch unglaublich witzige Tragödie. Christian Kracht, Finsterwalders Mann, hat das Drehbuch mitgeschrieben, der Film steckt voller bösartiger Beobachtungen, karikierter Figuren, klarsichtiger Aperçus, scharfer Bonmots. Am Ende wird das Gute bestraft, das Freie eingesperrt, das Unschuldige verdorben. Eine „Finsterworld“ eben. Nur manchen Figuren schenkt Finsterwalder schließlich ein Happy End, anderen die große Ungerechtigkeit. Kommentarlos nehmen alle ihr Schicksal an, sie gehen den Weg, auch wenn er steinig ist.

PM // Mit Textauszügen von Hanna Pfaffenwimmer (cult:online) und Harald Mühlbeyer (Kino-Zeit.de)

Unsere Einschätzung:

Ein Film, den man gesehen haben muss. Nicht nur alleine wegen der vielen unterschiedlichen Charaktere, die zu entdecken sicher große Freude bereitet, sondern vor allem weil es ein Film ist, der nicht für jeden das Beste bereithält und zeigt wie das Leben ist: echt und manchmal unfair. Also geht raus und genießt das Schöne. Jetzt.

Kinostart: 17. Oktober 2013 // Im Programm Universum Filmtheater Braunschweig

Trailer

Besetzung

Einsiedler: Johannes Krisch
Claude Petersdorf: Michael Maertens
Frau Sandberg: Margit Carstensen
Franziska Feldenhoven: Sandra Hüller
Tom: Ronald Zehrfeld
Inga Sandberg: Corinna Harfouch
Georg Sandberg: Bernhard Schütz
Lehrer Nickel: Christoph Bach
Natalie: Carla Juri
Dominik: Leonard Scheicher
Maximilian: Jakub Gierszał
Jonas: Max Pellny
Herr Malchow: Markus Hering
Pelzhändler: Dieter Meier

Stab

Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
Produktion: Walker +Worm Film, Tobias Walker, Philipp Worm
Ko-Produktion Lhasa Films GmbH, Bayerischer Rundfunk, ARTE
Redaktion: Cornelia Ackers / BR, Cornelius Conrad / BR, Jochen Kölsch / BR-ARTE,, Monika Lobkowicz / BR-ARTE, Andreas Schreitmüller / Arte
Redaktionelle Mitarbeit: Tobias Schultze
Casting: Simone Bär
Kamera: Markus Förderer
Szenenbild: Katharina Wöppermann
Schnitt: Andreas Menn
Musik: Michaela Melián
Originalton: Gunnar Voigt
Kostümbild: Lotte Sawatzki
Maskenbild: Christina Baier, Nadine Scherer

Presse / Blogs

„„Finsterworld“ hat zwölf Hauptfiguren, die allesamt mit überdurchschnittlich guten Schauspielern besetzt sind.“ tagesspiegel.de

„(…) Wobei klar zu sagen ist: Finsterwald ist eine Komödie, eine böse, schwarze, satirische, aber auch unglaublich witzige Komödie.“ kino-zeit.de

„Seit ABSOLUTE GIGANTEN hat sich meine Seele in keinem deutschen Film mehr so Zuhause gefühlt.“ blog.jensprausnitz.com

Technische Daten

Länge 91 Minuten
Produktionsland / – Jahr Deutschland 2013
Format 1:2,39

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