Braunschweigs Kinohistorie

Die ersten Kinos waren Wanderbetriebe. Immer unterwegs auf Deutschlands Straßen und auf der Suche nach Schaulustigen. Doch in der Zeit von der ersten Aufführung auf einem Jahrmarktsvergnügen 1896 mit einem Bettlaken als Leinwand bis heute ist das Kino zu einer eigenen Kultur geworden. Die Kultur des braunschweiger Kinos ist gewachsen.

Der Film entwickelt sich von seiner Entstehung an in verschiedene Etappen parallel zur seinen technischen Möglichkeiten und ist Dreh- und Angelpunkt dieses kleinen historischen Abrisses durch die Vergangenheit von 100 Jahren Film- und Kinogeschichte in der Löwenstadt.

Als die Bilder laufen lernten

In den Tageszeitungen angekündigt als „Kinematograph – lebende Photographien“ verlaufen die Veranstaltung ohne großartige Berichterstattung und leider fehlen auch Belege über die Stimmung im Kinosaal, der anfangs nichts anderes als ein einfacher Geschäftsraum war.

Ein festes Kino etabliert sich wie in anderen Städten üblich eine Mischung aus Gastronomie und Kinosaal nicht, man sucht das Vergnügen der bewegten Bilder lieber auf Jahrmärkten und besucht Wanderkinematographien.

Braunschweigs erstes Kino

So soll es auch für einige Jahre bleiben, das Kino beginnt seinen Weg in Braunschweig als Ableger der Schaustellerei. Die Technik ist vergleichsweise teuer und schnell veraltet, so dass sich bei den zögerlichen Braunschweiger Besuchern ein festes Kino, das einen zweifel vermutlich nicht lohnen würde.

Es dauert zehn Jahre, bis sich die Lage ändert und der Hamburger Kaufmann Martin Dentler das erste Kino der Stadt eröffnet. Gemeinsam mit seiner Frau Meta eröffnet er in Braunschweig 1906 an der Ecke Görderlinger Straße zur Neuen Straße das „Centraltheater Lebender Photographien“.

Von den Anfängen des Kinos bis 1945

In den folgenden Jahren seit dem Start des ersten Kinos in der Löwenstadt eröffnen fünf weitere Spielstätten: Das Edisontheater an der Stobenstraße (ebenfalls von Martin Dentler eröffnet), das Germaniatheater in der Schöppenstedter Straße, das Residenztheater (Hinter Liebfrauen), das Apollotheater am Bohlweg, das Kaisertheater in der Poststraße und das Tonbildtheater am Bohlweg.

Bonus für die Betreiber: Mittlerweile hat sich der Filmmarkt soweit geöffnet, dass nicht mehr jede einzelne Film gekauft werden muss, sondern die Rollen über einen Verleih gemietet werden können. Somit sinkt der Preis der Ausgaben für neue Filme und es kann ein regelmäßiger Wechsel des Programms angeboten werden.

Capitol

Nach dem ersten Weltkrieg nimmt das Geschäft mit dem Kino seine turbulente Fahrt auf. Die Dentler-Film AG hat 1920 neben vier Kinos in Braunschweig (Saalbau-Lichtspiele, Lichtspielhaus, Edison-Theater, Kinopalast Wendenstraße) auch andere Filialen in deutschen Großstädten von Hamburg bis München.

C.W. Bonse eröffnet im März 1921 in der Langedammstraße das größte und vornehmste Haus seiner Zeit in Braunschweig mit damals 1300 Plätzen: Die Schauburg. Im Laufe der Zeit kann das Kino neben dem Proletariat auch das Bürgertum für sich gewinnen. Das Kino gewinnt an Ansehen.

Das meinungsbildende Medium bekommt mit der Machtübernahme der Nazis eine zweifelhafte, instrumentalisierte Rolle und wird für Propaganda-Zwecke genutzt.

Bis kurz vor Kriegsende sucht man in Braunschweigs drei letzten funktionstüchtigen Kinos, dem Scala am Kohlmarkt, im Kino Palast-Lichtspiele in der Kastanienallee oder im altehrwürdigen Capitol an der Friedrich-Wilhelm-Straße Abwechslung zum Kriegsalltag und versucht sich ein wenig aufzuwärmen, wobei der Saal nur durch die Anwesenheit der Besucher „geheizt“ wird.

Nach Ende des Krieges nimmt der Kinobetrieb eher schleppend wieder Wind auf. Stromausfälle, Abgaben und fehlende Genehmigungen sind nur die kleinsten Probleme, die es zu überwinden gilt.

Braunschweigs Kinos in den Wirtschaftswunderjahren

Doch mit der Gründung der Bundesrepublik kommt es zu einem wahren Kinoboom – zwanzig Kinos eröffnen im Lauf der 50er Jahre darunter das Gloria als erstes Haus am Platz, das glanzvollen Premieren und Galaveranstaltungen dient und internationale Filmprominenz auf den roten Teppich holt.

Lido im Jahr 1990

Bis Ende der 50er Jahre eröffnet fast jedes Jahr mindestens ein neues Kino, neben dem Gloria wären das etwa die Turmlichtspiele, das Ringtheater, die Löwen-Lichtspiele, die Eulenspiegel-Lichstpiele, das Burgtheater und das Efa, das Roxy, Regina (ab 1974 als „Lupe“) und Neues Theater, das Schloß-Theater, Konzerthaus, Metro Palast und Apollo-Theater, das Theater am Damm, Union-Theater, Roli, Rex, City, Lido und Kaiserhof.

Aufgrund der fehlenden Motorisierung in der Nachkriegszeit erfahren die Wanderkinos eine kurze Zeit der Wiederbelebungen, gerade in dörflichen Gegenden um Braunschweig, gehen aber bis 1958 wieder komplett zurück. Die Kinos feiern Erfolge, die sich jedes Jahr an Umsatz überbieten und die neu erwachende Filmindustrie gibt dem Publikum, wonach es verlangt. Heimat- und Musikfilme übertreffen sich an Kitsch und der Durst des Publikums nach Unterhaltung will gestillt werden.

Hieß es bis Ende der 50er noch: „Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh ins Kino“, so ließ einer diesen feinen Plan nicht mehr gut aufgehen: Der Fernseher. In Kombination mit der sozialen und kulturellen Krise der Nachkriegsgesellschaft schaffte er es, dass die ehemaligen Kinogänger sich immer mehr zu Hause vor der Mattscheibe versammelten.

Die 1960er der Braunschweiger Kinolandschaft bis in die 90er

Der Zuschauerrückgang wird von den Kinobetreibern zum Teil durch Umbaumaßnahmen aufzufangen versucht. So wird aus einem großen Kino eines mit drei Sälen, das ein abwechslungsreicheres Programm spielen kann, zusätzlich werden Kioske zur festen Einheit und zusätzlichen Einnahmequelle. Trotzdem schließen Kinos, es werden Initiativen und Kooperativen gegründet und Kinos wie das Regina später als „Lupe“-Kino in betrieb, konzentrieren sich auf ein Filmkunst-Programm, das neuen Erfolg mit sich bringt.

Neuer Kinowind kommt Anfang der 80er mit den Flebbe Filmtheater Betrieben. Mit der Übernahme des Kinos Lupe 1982 und der Wiedereröffnung des Lido als „Lupe 2“, kurze Zeit später jedoch unter dem Namen Broadway geführt, wird eine neue Messlatte für Vorführqualität, Programm und Komfort gesetzt. Im Jahr 1984 erlebt Braunschweig seine erste „Sneak Preview“ – die erste deutschlandweit! Ein erfolgreiches Konzept, das schnell von anderen Städten adaptiert wird.

Hansa Gloria im Jahr 1990

Bis 1987 kommen zum Kino Lupe und Broadway noch weitere Kinos dazu, die auch unter der Flebbe-Hand bestand haben: Das Gloria mit dem Hansa, drei City-Kinos in der Neuen Straße (Universum, Royal und Camera), das Schloßtheater am Bohlweg und die Scala 1 und 2 am Kohlmarkt. Das Jolly Joker Kino hatte neben dem eigentlich Diskobetrieb keinen großen Erfolg und wurde Mitte der 90er stillgelegt.

Ab 1993 schloss nicht nur das Schloßtheater, sondern auch das Scala (1995), zwei Jahre später wird das Lupe in das Scala 2 verlagert und Filme als Kulturgut Abseits vom Mainstreamkino laufen überwiegend nur noch einmal im Jahr: Zum Internationalen Filmfest Braunschweig.

Buchtipp:

Von den „lebenden Photographien“ zum Multiplex
Braunschweigs Kinos 1896 bis heute
Stefan Vockrodt, Hans Roland Nuß, Edgar Merkel
1997 – Erschienen im Björn Zelter Verlag, Braunschweig.

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